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  Das älteste Dorf  
     
 

Ein jungsteinzeitliches Dorf an der Altmühl in Dietfurt-Griesstetten

 

Am linken Ufer der Altmühl wurden östlich von Griesstetten durch die archäologischen Ausgrabungen anlässlich des Baus des Main-Donau-Kanals die Überreste einer jungsteinzeitlichen Siedlung entdeckt.

Dieses Dorf der so genannten Chamer Kulturgruppe umfasste eine Fläche von ca. 3300 m², was 1991 nach drei Grabungsjahren nachgewiesen werden konnte. Heute fließt über der einstigen Grabungsfläche der neue Kanal.

 

                      

 

Grabungsfläche von Dietfurt-Griesstetten

 

Foto Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

 

Die Spuren des steinzeitlichen Dorfes waren relativ gut erhalten, da die Siedlungsstelle von den Hochflutsedimenten der Altmühl stark überlagert worden war.

Auf drei Seiten war das Dorf einst auf natürliche Weise von Wasserläufen und Altwasserarmen geschützt, während auf der ungeschützten Ostseite ein 1 m tiefer und 3 m breiter Sohlgraben angelegt wurde. Es gibt allerdings keinerlei Hinweise auf kämpferische Auseinandersetzungen in Dietfurt-Griesstetten.

Mehr als eine Tonne keramische Funde konnten bei den Ausgrabungen geborgen werden. Ihre Datierung fällt überwiegend in die Zeit um 2700 v. Chr.; das ist die Periode der späten endneolithischen Chamer Gruppe.

Von den vielfältigen Keramikformen ist fast die Hälfte verziert und zeigt damit starke Ähnlichkeiten zu nördlich und östlich angrenzenden Gruppen.

Neben den für das Chamer Dorf von Griesstetten besonders charakteristischen amphorenartigen Gefäßen gibt es Wulstschüsseln, Flaschenformen, variantenreiche Töpfe, kleine konische Näpfe und viele andere Formen. Die Verzierungen bestehen aus typischen Ritzungen und Schraffuren und völlig neuartiger Leistenzier, die als Kerbleisten oder seltener als glatte Leisten auftritt und einige Gefäße in netzartiger Struktur sogar flächendeckend überzieht.

 

                      

 

Keramik aus der chamzeitlichen Siedlung von Griesstetten

 

Fotos Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

 

Weiterhin konnten die Archäologen 546 Felssteingeräte wie Axt- und Beilklingen, Klopf-, Farb-, Mahl-, Schleif- und Glättsteine und Pfeilschaftglätter entdecken. Im Fundgut befanden sich auch Werkzeuge aus Knochen wie Spitzen und Meißel sowie Artefakte aus Geweih wie beispielsweise Hacken.

 

                      

 

Spinnwirtel und Steinbeil

 

Foto Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

 

Durch die Entdeckung von 52 Spinnwirteln ist zweifelsfrei nachgewiesen, dass häusliche Tätigkeit wie das Weben von Stoffen ein fester Bestandteil des jungsteinzeitlichen Lebens war. Dass die Siedler nicht nur nutzorientiert waren, beweisen Muschelschmuck und Perlen aus Kalkstein, die in Griesstetten erstmals für die Chamer Gruppe nachgewiesen werden konnten.

 

                      

 

Kalksteinperle und durchbohrte Artefakte

 

Foto Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

 

Die Sedimente der Altwasser bargen noch eine weitere archäologische Sensation. In ihnen hatten sich organische Reste der Jungsteinzeit erhalten, zu denen unter anderem ein Rindenlager gehörte. Durch das Auflegen von Rindenstücken konnte das feuchte Siedlungsgebiet trockener gehalten werden. Auf dieses Lager hatte jemand die Reste eines 1,35 m langen, wohl schon in früherer Zeit zerstörten Paddels aus Eichenholz geworfen, vielleicht um es später zu einem anderen Zweck zu nutzen. Obgleich eine Hälfte des 1,8 cm dicken Ruderblattes fehlt, kann auf eine ursprüngliche Breite von ca. 20 cm geschlossen werden. Dieser Fund ist damit das älteste Paddel Bayerns!

 

                      

 

Ältestes Holzpaddel Bayerns aus der jungsteinzeitlichen Siedlung

 

Nach S. Bauer / M. Hoppe, In. Arch. Jahr Bayern 1990 S. 41 Abb. 14

 

Den größten Anteil an den zahlreichen Tierknochen der Siedlung hat das Rind noch vor dem Hausschwein. Von den Wildtieren, die darüber hinaus als Fleischquelle dienten, war der Rothirsch die bevorzugte Jagdbeute. Eine Besonderheit für die Zeit des Endneolithikums stellt der Fund von Pferdeknochen dar, welcher vermuten lässt, dass es sich bereits um erste domestizierte Tiere gehandelt haben kann.

Während Pfostenlöcher und Grubenhäuser in Griesstetten fehlten, konnten stattdessen insgesamt 57 Steinpflasterungen ausgegraben werden, die zum Teil Brandspuren zeigten. Es handelt sich dabei um Unterbau für Feuerstellen, die sich meistens im Innern der Wohnhäuser befunden hatten. Aufgrund dieser Herdstellen, der Auswertungen der Phosphatreste im Boden und Kartierungen aller angetroffenen Funde konnte schließlich nachgewiesen werden, dass die Siedlung aus zeilenartig angeordneten Hütten oder Häusern in Blockbauweise bestanden haben muss, die jeweils Ausmaße von ca. 4 x 5 m hatten.

 

                      

 

Endneolithische Steinsetzung

 

Foto Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

 

Ein Friedhof, der zur Griesstetter Siedlung gehört haben könnte, wurde bei den Ausgrabungen nicht entdeckt. Aus der Chamer Kultur sind auch keine Bestattungen bekannt.

Vermutlich hat das jungsteinzeitliche Dorf von Dietfurt-Griesstetten mit dem Beginn der schnurkeramischen Phase um 2700 v. Chr. ein Ende gefunden und könnte somit beinahe zweihundert Jahre Bestand gehabt haben.

 

 

Plan der Hausstandorte von Dietfurt-Griesstetten

 

Nach T. H. Gohlisch, Bemerkungen zur Struktur der endneolithischen Siedlung Dietfurt a. d. Altmühl. In: Die Stellung der endneolithischen Chamer Kultur in ihrem räumlichen und zeitlichen Kontext. Kolloquien des Institutes für Ur- und Frühgeschichte Erlangen 1 (Erlangen-Nürnberg 2001) S. 27

 

 

Zusammengefasst aus: Michael M. Rind, Ruth Sandner; Archäologiepark Altmühltal - Ein Reiseführer in die Vorzeit (Regensburg 2008) S. 147-154

 

 

Die jungsteinzeitliche Keramik von Griesstetten

 

 

 

Besondere Fundstücke

 

 

Geweihwerkzeuge, die als Meißel, Ahlen und Beil dienten

 

 

Keramikensemble aus der jungsteinzeitlichen Siedlung

 

 

Webgewicht und Spinnwirtel zur Textilherstellung

 

                      

 

Rekonstruktion des ältesten Holzpaddels Bayerns

 
     
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