Vielfältige Entdeckungen im urnenfelderzeitlichen Dorf von Dietfurt-Schleuse
Das Dietfurter Becken ist neben dem Raum Kelheim der Ausgangspunkt einer mehrhundertjährigen Entwicklung, die beispielhaft zeigt, dass der Beginn der Urnenfelderkultur auch der Beginn einer Aufsiedelung der Landschaft ist, welche mit dem mittelalterlichen Landesausbau vergleichbar ist.
Die einheimische Bevölkerung im Altmühltal überdauerte etwa vom 13. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. alle geschichtlichen Wechselfälle der bestimmt nicht ruhigen Zeit und kann so als eine der Wurzeln des Keltentums gesehen werden. In Dietfurt reicht die Siedlungskontinuität sogar vom Beginn der mittleren Bronzezeit bis in die ältere Latènezeit.
Die während der Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal entdeckte Siedlung im Bereich der Schleuse Dietfurt verschob sich während ihrer rund 1200jährigen Geschichte mehrmals innerhalb eines 17 ha großen Gebietes. Wenn ein Haus baufällig wurde, errichtete man ein neues meist etwas außerhalb des Siedlungskernes, wodurch das Dorf im Lauf der Jahrhunderte seinen Standort änderte.
An Metallfunden entdeckten die Ausgräber nur wenige Überreste von Bronzeschmuck, von Nadeln und zwei Pfeilspitzen. Dennoch ist sicher, dass hier Metall verarbeitet wurde, obgleich kein Schmelzofen nachgewiesen werden konnte; doch in einer Abfallgrube fand sich das Bruchstück einer Gussform aus Stein.
Dem gegenüber stehen Tausende von Scherben, von denen nur die wenigsten wieder zu ganzen Gefäßen zusammengesetzt werden konnten. Eine dieser Ausnahmen stellt ein großer Topf dar, der als eine Art Kühlschrank in den Boden eingegraben worden war und auf dessen Boden ein kleiner Spitzbecher lag, der zum Herausschöpfen des Inhalts gedient haben muss.

Unter der für die Speisetafel bestimmten Feinkeramik fallen einige recht prunkvolle Schüsseln auf. Die Verzierungen bestehen aus Kanneluren und breiten Riefen, zu denen noch Ornamente aus feinen Linien und Schraffen hinzukommen.

Keramik der urnenfelderzeitlichen Siedlung von Dietfurt-Schleuse
Zeichnung nach M. Rind. In: Bernd Engelhardt, Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal / Archäologie im Herzen Bayerns (München 1987)
Ein interessantes keramisches Einzelstück ist das flüchtig modellierte Modell eines Bootes, das zumindest als Hinweis auf die Bedeutung der Wasserwege als Verkehrsadern schon zur damaligen Zeit verstanden werden kann.

Urnenfelderzeitliches Bootsmodell aus Ton der Ausgrabung Dietfurt-Schleuse
Foto B. Engelhardt, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege. In: Bernd Engelhardt, Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal / Archäologie im Herzen Bayerns (München 1987)
Wie das Dorf aussah, kann aufgrund des Dietfurter Grabungsplanes in etwa rekonstruiert werden. Es gibt darin einige immer wiederkehrende Konstellationen von Pfostenlöchern, wobei zwei parallele Reihen aus jeweils drei Verfärbungen am häufigsten sind. Dabei handelt es sich um einfache Hausgrundrisse mit einer Länge von 5 bis 7 m und einer Breite zwischen 3 und 4 m. Ein anderer Haustyp, bei dem drei zusätzliche Pfosten den Firstbalken stützten, weshalb der Grundriss hier aus drei parallelen Reihen mit jeweils drei Pfostenlöchern besteht, war nur unwesentlich größer.
Häuser dieser Art gibt es in allen Metallzeiten; die Hausarchitektur blieb also über Jahrhunderte recht simpel.

Vereinfachte Umzeichnung des Planums der urnenfelderzeitlichen Siedlung im Bereich der Dietfurter Schleuse
Zeichnung nach M. Rind. In: Bernd Engelhardt, Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal / Archäologie im Herzen Bayerns (München 1987)
In Dietfurt war der Mittelpunkt des urnenfelderzeitlichen Dorfes ein freier Platz mit einem kleinen zentralen Gebäude. Von dort liefen drei Bauachsen genau nach Westen, Norden und Osten, wobei die Häuser quer zu diesen Achsen standen. Folglich wiesen die Häuser in der West-Ostachse mit den Schmalseiten nach Norden und Süden, was für urnenfelderzeitliche Siedlungen üblich war. Dagegen ist eine Ost-Westausrichtung der Häuser wie bei der Nordachse anderswo noch nicht entdeckt worden.

Rekonstruktionsversuch der urnenfelderzeitlichen Siedlung im Bereich der Schleuse Dietfurt
Zeichnung nach M. Rind. In: Bernd Engelhardt, Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal / Archäologie im Herzen Bayerns (München 1987)
Aus dem Friedhof, der zur Siedlung gehörte, konnten die Archäologen nur ein Grab bergen, bevor er für den Bauhof der Schleuse zerstört wurde. Er lag etwa 150 m südwestlich der Grabungsfläche.

Urne aus dem Friedhof der urnenfelderzeitlichen Siedlung im Bereich der Schleuse Dietfurt
Zeichnung nach M. Rind. In: Bernd Engelhardt, Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal / Archäologie im Herzen Bayerns (München 1987)
Zusammengefasst aus: Bernd Engelhardt, Ausgrabungen am Main-Donau-Kanal / Archäologie im Herzen Bayerns (München 1987) |