Überreste eines historischen Massakers bei Dietfurt a. d. Altmühl
Im Zuge der Neutrassierung der St 2230 wurden bereits 1998 am östlichen Ortsrand von Dietfurt ungewöhnliche Gräber aufgedeckt. 1999 konnten die Untersuchungen fortgesetzt und beendet werden. Unter und neben der ehemaligen Straße nach Mühlbach waren neben vorgeschichtlichen Siedlungsbefunden und urnenfelderzeitlichen Brandbestattungen schmale, längliche Verfärbungen beobachtet worden. Die Grabungen begannen hier im Dezember 1998 und wurden durch Frost und Schnee stark behindert. Eine längere Frostperiode hatte den nach Abtrag des Humus schutzlos freiliegenden Boden bis in eine Tiefe von etwa 20 Zentimetern gefrieren lassen. Bereits beim Entfernen der Frostschicht wurden drei Gräber angeschnitten, ein Grab konnte nur noch aus der Baggerschaufel aufgesammelt werden. Im April 1999 konnte bei besseren Witterungsbedingungen die restliche Fläche untersucht werden.
Am nördlichen Rand der Grabungsfläche zeichneten sich im anstehenden hellen Sand zwei große, dunkelbraune Verfärbungen ab, die zunächst als mutmaßlich moderne Sandgruben interpretiert und deshalb nicht näher untersucht wurden. Südlich angrenzend, vor allem in den unmittelbaren Randbereichen, waren längliche Verfärbungen zu erkennen. In drei Gruben lagen bereits Skelette.
Der geplante Bau eines Regenrückhaltebeckens im Bereich der ehemaligen, bereits zurückgebauten, Straße nach Mühlbach am östlichen Ortsrand von Dietfurt führte zu Ausgrabungen noch im Dezember. Die Grabungskampagne 1997/1998 erbrachte in den angrenzenden Arealen Reste der urnenfelderzeitlichen Siedlung, Urnengräber und neolithische Körperbestattungen, so daß archäologische Untersuchungen zwingend notwendig erschienen. Frost und Schneefall begleiteten die Ausgrabungsarbeiten ständig und wirkten sich entsprechend ungünstig aus. Die Gräber lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Einzelgräber mit deutlich erkennbaren Grabgruben,sehr schmal und gerade mannslang, sowie größere Gruben, quadratisch bis rechteckig mit mehreren Bestattungen. Die Bestattungen lagen überwiegend langgestreckt auf dem Rücken mit dem Schädel im Westen. Die Grabgruben der Einzelgräber erweckten häufig den Eindruck, als ob sie zu kurz ausgehoben worden seien. In einem Fall lagen Brust und Becken recht tief, während Schädel und Oberarme recht hoch lagen, die Schulterblätter standen nahezu senkrecht nach oben, als ob der Tote in eine zu klein ausgehobene Grube gewaltsam hineingedrückt worden sei. Vereinzelt ließen sich alte Hiebverletzungen sowie Einschüsse im Schädeldach nachweisen. Offenbar waren fast alle Bestatteten vor ihrem wohl gewaltsamen Tod gefesselt worden: die Unterarme lagen angewinkelt auf dem Rücken, die Hände in Höhe der Hüfte über Kreuz aufeinander gelegt. Vermutlich dürften die Hände mit Fesseln aus organischem Material zusammengebunden gewesen sein. Während die Einzelgräber offenbar ungestört waren, ließen sich in den beiden Mehrfachgräbern umfangreiche Störungen nachweisen. In einer Grube fanden sich drei vollständige Skelette sowie zwei unterschiedlich stark gestörte. Im Bereich der Schädel und Oberkörper konzentrierten sich zahlreiche große Kalkbruchsteine. Die Totenhaltung variierte sehr stark: teils waren die Beine gestreckt, teils leicht angezogen, die Toten lagen entweder auf dem Rücken oder leicht zur Seite gedreht, Hände und Unterkörper fehlten teilweise. In Einzelfällen ließ sich eine Fesselung ebenfalls vermuten. Die Grube erweckte den Eindruck, als ob die Toten eher lieblos in die Grube geworfen als pietätvoll bestattet worden seien. Unmittelbar nördlich davon fand sich eine weitere Grabgrube mit drei weitgehend vollständigen Skeletten aber vier Schädeln.

Im Planum zeichnete sich eine ungewöhnliche und makabre Befundsituation ab. Am südlichen Rand fanden sich dicht beieinander, etwa auf gleichem Niveau, drei Schädel, davon einer mit einem etwa kreisrunden Loch auf dem Schädeldach, sowie ein auf dem Rücken liegendes Skelett. Die Oberarme lagen seitlich eng am Körper, die Unterarme unter der Wirbelsäule auf dem Rücken gekreuzt. Die Beine waren leicht angezogen und nach links verkippt. Bei der Bestattung am nördlichen Rand der Grabgrube befanden sich Schädel und Brustkorb noch im Verband, allerdings war der Oberkörper merkwürdig nach Nordosten gedreht, der rechte Arm lag wohl ursprünglich unter der Wirbelsäule, die allerdings ebenso wie der linke Arm, Becken und Beine fehlen. Außerhalb der Grabgrube lagen etliche Langknochen locker gestreut in der Füllung einer jüngeren Störung. Die Bestattung dürfte noch vor der vollständigen Verwesung nach Nordosten aus der Grabgrube herausgezerrt worden sein. Auffallend war die Bauchlage des Toten. Unmittelbar unter dem vollständigen Skelett fand sich eine weitere, ebenfalls auf dem Bauch liegende Bestattung ohne Schädel, Hände und Unterarme wiesen die typische Fesselhaltung auf. Da beide Skelette unmittelbar übereinander lagen, kann man davon ausgehen, daß die beiden Leichen unmittelbar nacheinander in die Grube kamen. Ausgehend von der Annahme, daß die Grablegung unmittelbar nacheinander erfolgte, ist das Fehlen des Schädels dahingehend zu interpretieren, daß der untenliegende Tote tatsächlich ohne Schädel ins Grab kam. Vermutlich wurde der Schädel zusammen mit dem darüberliegenden Toten in die Grube gebracht.

Die zeitliche Ansprache der Körpergräber ist nicht eindeutig, da datierende Funde fehlen. Betrachtet man die Befundsituation genauer, so lassen sich gewisse Übereinstimmungen feststellen. Es handelt sich ausschließlich um überwiegend West-Ost ausgerichtete, beigabenlose Körpergräber, offenbar nur Erwachsene, vermutlich Männer. Die Anlage der Gräber, selbst der Einzelgräber, kann als wenig sorgfältig, eher flüchtig und pietätlos bezeichnet werden. Da sich keinerlei Reste der Bekleidung fanden kann man davon ausgehen, daß die Toten nackt oder nur mit Hemden o.ä. bekleidet ins Grab gelegt wurden. Bis auf wenige Ausnahmen deutet die Haltung der Unterarme und Hände auf eine Fesselung hin, es dürfte sich also sicherlich um Gefangene handeln. Ob die Fesselung im Rahmen einer juristischen Handlung oder eines kriegerischen Aktes erfolgte bleibt ungewiß. In zwei Schädeln fanden sich auf dem Schädeldach Löcher, in denen eventuell die Todesursache zu sehen ist, allerdings ist die Position der Löcher etwas merkwürdig, da tödliche Schußverletzungen etwa im Kampfgetümmel eher seitlich am Kopf zu erwarten wären. Sollte sich der Eindruck bestätigen, daß diese Löcher als Todesursache zu verstehen sind, dann müßten die beiden Individuen die Verletzungen gebückt oder kniend erhalten haben, in diesem Fall wäre man versucht, an Hinrichtungen zu denken.
Bei der Suche nach einem historischen Ereignis fällt in diesem Zusammenhang zunächst der Dreißigjährige Krieg ein, unter dem auch Dietfurt sehr zu leiden hatte. Aus den Archivalien ist überliefert, daß die Schweden Dietfurt plünderten und Männer, Frauen und Kinder verschleppten. Weiterhin wird berichtet, daß "Krabanden", also kroatische Söldner, vor den Toren Dietfurts niedergemacht wurden. Die teils verstümmelten Leichen könnten als Beleg hierfür interpretiert werden. Eine genauere und zuverlässige chronologische Wertung können wohl nur naturwissenschaftliche Untersuchungen bringen. Die jüngsten Massaker und Greueltaten im ehemaligen Jugoslawien lassen in erschreckender Weise die historischen Massaker plastisch und lebendig erscheinen.
Friedrich Loré, M.A.
Bergstraße 25, 92331 Parsberg

