Erinnerungen eines Kanalschiffers
Mit dem Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals im Altmühltal verschwand auch ein Großteil eines historischen Bauwerks, mit dem bereits vor knapp 150 Jahren der Traum einer Schiffsverbindung zwischen Schwarzem Meer und Nordsee Wirklichkeit geworden war: Der alte Ludwig-Donau-Main-Kanal mit seinen über 90 Schleusen auf einer Strecke von rund 180 Kilometern. Rar geworden sind auch diejenigen Einheimischen, die auf der erstmals kanalisierten Altmühl mit ihren Schleppkähnen, gezogen von Pferden, tätig waren und noch aus eigenem Erleben von dieser Arbeit berichten können. Der Dietfurter Franz Reischl ist einer von ihnen. Er erinnert sich noch lebhaft an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als an den Länden in Riedenburg, Dietfurt und im Kelheimer Hafen noch Holz und Getreide verladen wurden. In einem Gespräch erzählte er vom Leben und Treiben auf der alten Wasserstraße.

Die „Ihrlerstein“ hat an der Dietfurter Lände Langholz geladen. Bald geht sie auf die etwa 150 km lange Reise nach Bug bei Bamberg. Das Bild entstand vor dem Zweiten Weltkrieg.
Sieben Tage etwa dauerte die Fahrt mit dem beladenen Lastkahn von Dietfurt bis Bug bei Bamberg auf dem alten Ludwigskanal. Fast 150 km und 86 Schleusen waren zu überwinden. Getreide und Holz waren es in erster Linie, die damals an der Dietfurter Lände bei der ehemaligen Kanalwirtschaft Reischl auf die Schleppkähne verladen wurden.
Im Frühjahr, wenn das Eis geschmolzen war, begann der Schiffsverkehr und dauerte bis zum Einbruch des Frosts, etwa im November. Das von den Bauern der Umgebung im Winter geschlagene Holz wurde auf den Ländenplätzen gestapelt. Zweierlei Stämme waren es. Das so genannte Papierholz musste noch an Ort und Stelle per Hand mit dem Schnitzmesser weiß geschält werden. Es ging vor allem altmühlabwärts nach Kelheim. Das gewöhnliche Langholz wurde in die entgegen gesetzte Richtung verschifft und in Bug kurz vor Bamberg ausgeladen. Man warf es dort einfach in die Regnitz, Flößer transportierten es anschließend flussabwärts in den Main und weiter. Im Herbst war es dann das Getreide, das die Lagerhäuser der Umgebung anlieferten und lose auf die Lastkähne verladen wurde. Im Bamberger Hafen wurde es in die Mainschiffe abgesaugt.
Drei Männer gehörten danach zu einer Transportmannschaft. Auf dem Schiff befanden sich der Schiffsführer und ein Matrose. An Land führte der so genannte Schiffsreiter das Zugpferd auf den schmalen Treidelwegen neben dem Wasser. Die Besatzung schlief unterwegs auf dem Kahn. Überall an der Wasserstraße gab es Kanalwirtschaften (in Dietfurt Reischl), in denen die Pferde während der Nacht eingestellt werden konnten. Der Schiffsreiter übernachtete meist zusammen mit dem Zugtier im Stall auf einem Strohbündel. Franz Reischl hatte selbst einige Pferde, die er zusammen mit einem Schiffsreiter den Kahneignern zur Verfügung stellte.
Des Öfteren ging er in den Jahren 1934 bis 1936 auch selbst den weiten Weg mit. Schon um drei Uhr musste man aufstehen und das Pferd versorgen. Gegen fünf Uhr war dann eingespannt und der Transport begann. Gefahren wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das Essen wurde auf dem Schiff zubereitet. Es war für damalige Verhältnisse nicht schlecht. Zu einer Suppe gab es jeden Tag ein halbes Pfund Rindfleisch pro Person.
Bei normalem Wasserstand bedeutete selbst ein mit 2600 Zentnern voll beladener Kahn für ein Pferd keine große Anstrengung. Wehe aber, wenn nach längerer Trockenperiode der Wasserstand niedrig war und der Kiel zeitweise durch den Schlamm am Kanalgrund pflügte. Dann kam das Zugtier ganz schön ins Schwitzen.


Getreideverladung an der Dietfurter Lände um 1935
In Dietfurt wurde nicht besonders viel geladen. Die meisten Schiffe kamen von Kelheim und von Riedenburg die Altmühl herauf. Flussaufwärts war das Ziehen ziemlich beschwerlich. „Drei bis vier Pferde brauchte man normalerweise, bei Hochwasser mit starker Strömung mussten auch schon mal acht Pferde eingespannt werden“, erinnert sich der ehemalige Kanalwirt. Außer Holz und Getreide wurde ferner noch Donaukies als Transportgut die Altmühl heraufgezogen. Auch in Dietfurt wurde er abgeladen und an der Lände verkauft.
Der Verkehr auf der Wasserstraße war gering. Es gab Tage, an denen kein einziges Schiff Dietfurt passierte. Die Firma Demerag aus Nürnberg stellte mit etwa sechs Fahrzeugen die meisten Schiffe. Dazu kamen mit drei Lastkähnen die Brüder Barth aus Ihrlerstein bei Kelheim und eine Bamberger Firma. Franz Reischl erinnert sich auch noch an die meisten der Schiffsnamen: „Befreiungshalle“, „Walhalla“, „Morgenstern“, „Franken“, „Ihrlerstein“ usw. Bis nach dem Ersten Weltkrieg waren es meist Holzkähne, später baute man sie aus Eisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte jedoch kein Schiff mehr bis Bamberg fahren. In der Gegend von Nürnberg hatten Bomben den Kanal zerstört. Nur noch ganz selten passierten Schiffe den Kanal bis Dietfurt.

Noch 1925 wurde ein neues Wehr neben der Schleuse Riedenburg-Meihern des alten Ludwig-Donau-Main-Kanals gebaut, um den Wasserstand der kanalisierten Altmühl für die Kahnschifffahrt besser regeln zu können. Das Bild zeigt die damaligen Arbeiter, vorwiegend Einheimische, beim Erinnerungsfoto nach Vollendung des Werkes.
Text und Fotos Franz Kerschensteiner
Veröffentlicht im Donau-Kurier am 14.08.1981 |