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  Die archäologischen Grabungen  
     
 

Kleine Geschichte der Grabungen im Bereich der Schleuse Dietfurt

 

Als die archäologische Großgrabung auf dem Gelände der Schleuse Dietfurt des RMD-Kanals zu Ende ging, hatte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege mit einem Kostenaufwand von fast einer halben Million Mark die Reste einer großen Siedlung aus der Urnenfelderzeit (etwa 1250 bis 800 v. Chr.) freigelegt. Wie Dr. Engelhardt, der Grabungsleiter, mitteilte, war es die bisher umfangreichste und flächenmäßig größte Erforschung eines „Dorfes“ dieser Kulturepoche in Bayern. Die enormen Kosten des Projektes teilten sich je zur Hälfte die RMD-Kanalgesellschaft und das Arbeitsamt Neumarkt.

 

Schon im November 1978 veranlasste das Landesamt für Denkmalpflege eine so genannte „Verdachtsgrabung“, um zu verhindern, dass die schweren Baumaschinen eventuell vorhandene Bodendenkmäler endgültig zerstören. Beim Abtragen der Humusschicht bestätigte sich die Vermutung. Verfärbungen in der Lehmschicht und Tonscherben in größerer Zahl deuteten auf frühere menschliche Besiedlung hin. Das interessanteste Fundstück aber war ein gut erhaltener Mahlstein, wie er zum Zerreiben von Getreidekörnern benutzt wurde. Dicht daneben fand sich sogar noch der zum Reiben benutzte „Läufer“.

 

 

 

Urnenfelderzeitlicher Mahlstein 1978

 

 

Grabungstechniker Seliger demonstriert die Handhabung des gefundenen Mahlsteins, bei dem man auch den zum Reiben benutzten „Läufer“ entdeckte.

 

Foto: Pescheck. Im Donau-Kurier am 21.04.1979

 

Im Frühjahr 1979 begann die Großgrabung mit 15 Arbeitskräften. Insgesamt konnten in der zur Verfügung stehenden Zeit 6600 Quadratmeter wissenschaftlich erforscht werden. Die gesamte Siedlungsfläche beziffert Grabungstechniker Seliger, der während der ganzen Zeit die Grabungen vor Ort leitete, auf etwa 40000 Quadratmeter, dies würde in etwa der Größe des mittelalterlichen Stadtkernes von Dietfurt entsprechen.

 

Stück für Stück wurde die Siedlung ausgegraben. Für den Laien bot die Grabungsfläche ein oftmals eher enttäuschendes Bild. Man sah nichts als eine glatte, sauber geputzte Lehmfläche, die durch Nägel und Holzpfähle in verschiedene Planquadrate zerlegt wurde. Sorgfältig wurden alle Scherben in Plastiktüten gesammelt, die mit der jeweiligen Plannummer versehen waren.

 

 

 

 

Planum Schleuse 1979

 

In der sauber geglätteten Bodenfläche unter der Humusschicht, dem so genannten Planum, zeigten sich eine Unmenge dunkler Einfärbungen, bei denen es sich entweder um Pfostenlöcher, in denen die hölzernen Tragsäulen der Holzhäuser steckten, oder um Abfallgruben handelte. Ein ganz schwarz eingefärbter Fleck war vermutlich eine Feuerstelle. Aus der Anordnung der Pfostenlöcher lassen sich später Grundriss und Größe der ehemaligen Häuser bestimmen. Die dunklen Stellen werden jeweils noch durch eine Schnittgrabung geöffnet, um im Profil Größe und Einfüllung der Grube erkennen zu können.

Das Holz verfaulte in den 3000 Jahren und ließ die dunklen Verfärbungen zurück. Am Ende der Grabung gelang es schon, etwa zehn Hausgrundrisse zu erkennen, die unterschiedlichen Verwendungszwecken dienten: Wohnhäuser, Handwerkerräume und Vorratsgebäude. Dr. Engelhardt schätzte die Anzahl der Bewohner in der gegrabenen Fläche auf etwa 100 Personen, die in Großfamilien zusammenlebten. Die Häuser selbst bestanden aus den Standbalken als tragendes Gerüst, dazwischen war Weidengeflecht gespannt, das mit Lehm verschmiert wurde. Den benötigten Lehm holten die damaligen Erbauer aus Gruben neben den Häusern. Dass es bei dieser leichten Bauweise oft zu Bränden kam, zeigten die immer wieder auftauchenden hart gebrannten Lehmstücke mit Abdrücken von Weidenruten, so genannter Hüttenlehm.

Die durch das Ausgraben entstandenen Lehmlöcher dienten unseren Vorfahren anschließend als Abfallgruben. Ihnen galt die besondere Aufmerksamkeit der Archäologen, da ihr Inhalt viel über die Lebensweise verraten kann. Techniker Seliger konnte mit seinen Arbeitern Tausende von Scherben größerer und kleinerer Keramikgefäße bergen, die meist für den häuslichen Gebrauch bestimmt waren. Daneben fanden sich Fehlbrände (nicht gelungene Töpferware), Holzkohle sowie Knochenreste von Haustieren und gejagtem Wild.

 

Als im Juli 1979 schwere Raupenfahrzeuge nördlich des eigentlichen Grabungsgebietes das Gelände für die Baustelleneinrichtung planierten, stieß man auf die Überreste des Friedhofs. Leider konnte nur eine einzige nahezu vollständig erhaltene Urne geborgen werden, deren Inhalt aus Leichenbrand und einer großen Bronzenadel bestand.

In der Nähe fand sich unter einer dicken Steinpackung ein in Ost-West-Richtung liegendes Skelett, gleich daneben, im selben Grab, zeigten sich Reste einer Brandbestattung. Die Grabanlage stammt aus der späten Hügelgräberbronzezeit (um 1250 v. Chr.). Der Zusammenhang von Körperbestattung und Brandbestattung lässt nach den Worten von Dr. Engelhardt darauf schließen, dass der Übergang von der Hügelgräberbronzezeit zur Urnenfelderkultur nahtlos und ohne große Bevölkerungsverschiebung verlief, d. h. die vorhergehende Kulturepoche wurde wohl nicht durch eine plötzliche Eroberung zerstört.

 

 

 

 

 

Steingrab Schleuse 1979

 

Im Herbst 1979 fanden die Archäologen auch noch das „Handwerksviertel“ der Siedlung, das sich, wohl wegen der großen Brandgefahr, im Osten des Wohnbereichs, weg von der vorherrschenden Windrichtung, befand. Mehrere noch gut erkennbare Töpferöfen zeigten, dass im Dorf in größerem Umfang Tonwaren hergestellt wurden.

 

 

Grabungen im „Handwerkerviertel“ (unter dem Druck der Planierraupen)

 

Verhältnismäßig gering war die Ausbeute an Bronzefunden: Zwei Pfeilspitzen (eine dritte aus Stein), ein stark gekrümmtes Messer, mehrere Schmucknadeln und ein mit Verzierungen versehenes Armband zeugen vom großen Wert und der damit verbundenen Seltenheit dieses Metalls. Mit dieser Seltenheit hängt auch die Tatsache zusammen, dass sich Bronze kaum in Abfallgruben fand. Zerbrochene Bronzegegenstände wurden damals eingeschmolzen und wieder verarbeitet. Ein kleines Stück Bronze, das Dr. Engelhardt als Gussabfall erkannte, deutet darauf hin, dass in der Siedlung selbst Bronze verarbeitet wurde.

Die Bronzefunde und das Gesteinsmaterial der aufgefundenen Mahlsteine beweisen die Existenz von Handelsbeziehungen, die schon vor 3000 Jahren über weitere Entfernungen gingen.

 

Wie Dr. Engelhardt vermutete, hörte die Siedlung um 900 v. Chr. auf zu bestehen. Der Grund ist unbekannt. Datiert man das oben erwähnte Skelettgrab auf das Jahr 1250 v. Chr., ergibt sich ein Besiedlungszeitraum von mehr als 300 Jahren.

 

 

 

Grabungstechniker Seliger vorm Schutzzelt

 

 

Text und Fotos (ohne Angabe) Franz Kerschensteiner

Teilweise veröffentlicht im Donau-Kurier am 30.01.1980

 
     
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