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  Das Rathaus  
     
 

Älter als ein halbes Jahrtausend

 

Seit über 500 Jahren beherrscht der wuchtige Bau des Dietfurter Rathauses das Bild des Marktplatzes der Stadt. Im Laufe der fünf Jahrhunderte hat sich sein Gesicht wohl immer nur unwesentlich gewandelt. Hie und da wurde ein neues Fenster ausgebrochen und ein altes geschlossen, eine neue Türe geschaffen und eine andere zugemauert. Ende der sechziger Jahre war eine gründliche Renovierung unumgänglich notwendig geworden, um ein modernes Verwaltungsgebäude zu schaffen. Fast wäre es zu einem Abbruch und Neubau gekommen. Glücklicherweise entschieden sich die Stadtväter im Jahre 1969 trotz der höheren Kosten für die Erhaltung.

 

Bei den Umbauarbeiten machte man eine interessante Entdeckung. Bisher waren alle Fachleute der Meinung, der Bau stamme frühestens aus dem 17. Jahrhundert. In den Kunstdenkmälern Bayerns ist zu lesen: „Staatliches Gebäude inmitten des Marktplatzes. Mit Treppengiebel und vorgekragtem Glockentürmchen auf der Südseite. Wohl 17. Jahrhundert auf älteren Grundmauern.“ Nun ergaben Untersuchungen des forstbotanischen Institutes der Universität Stuttgart-Hohenheim eine Bauzeit um 1479. In diesem Jahr nämlich wurden die Eichenbäume gefällt, die im Gebäude verarbeitet sind. So kann man das Dietfurter Rathaus als ein fest datiertes Gebäude der Altmühlbauweise bezeichnen, was für die Geschichte des mittelalterlichen Profanbaus von Bedeutung ist. Bei den Renovierungsarbeiten tauchte an einem Balken sogar die Jahreszahl 1471 auf. Man kann aber berechtigte Zweifel über die Ursprünglichkeit haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt die Schrift aus späterer Zeit.

 

Die Zeitspanne von 500 Jahren beinhaltet eine Menge geschichtlicher Ereignisse, bei denen das alte Haus Zeuge war. Das schrecklichste Jahr der Dietfurter Geschichte war das Kriegsjahr 1633. In einem Brief vom 13. August an die kurfürstliche Regierung schreibt der Bürgermeister über die Plünderung des Rathauses durch kaiserlich-bayerische Truppen: „Auf dem Rathaus haben sie die Türen eingehaut, die Stadtgerichtskästen, alle Truhen und Schlösser aufgeschlagen, die brieflichen Dokumente, Siegel und Rechnungen und Register mit fürstlichen Dekreten zerrissen und verwüstet, welches erschrecklich aussieht und nicht genugsam zu beschreiben ist.“ Damals also wurden die meisten Urkunden und Dekrete vernichtet, die über Dietfurts Geschichte hätten Auskunft geben können. Nicht einmal die Stadterhebung von 1416 lässt sich heute noch urkundlich beweisen.

 

 

Das Dietfurter Rathaus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als der „Verkehr“ in der Kleinstadt noch von Ochsenkarren und Pferdegespannen beherrscht wurde. Der im Bild sichtbare Feuergraben ist verschwunden.

 

 

Auch heute noch ist das Rathaus das Wahrzeichen und ein Schmuckstück von Dietfurt.

 

Aber auch heitere Episoden sind mit dem alten Rathaus verknüpft. Noch im 20. Jahrhundert floss im offenen Feuergraben Wasser quer über den Marktplatz und unter dem Rathaus hindurch. Etwa um 1890 spielte sich folgende Geschichte ab: Als eines Tages die Anlieger des Marktplatzes aus den Federn krochen, trauten sie ihren Augen nicht. Das Feuerbächlein war über die Ufer getreten und überschwemmte die Straße. Eilig versuchte man, die Ursache zu finden. Irgendwo unter dem Rathaus musste der Weg für das Wasser versperrt sein. Man rief die Männer der Freiwilligen Feuerwehr zu Hilfe. Mit langen Feuerhaken stocherten sie im unterirdischen Feuerbach herum. Sie staunten nicht schlecht, als sie eine Unmenge verbrannter, verkohlter und aufgequollener Semmeln zutage förderten.

Was war geschehen? Ein Dietfurter Bäckermeister war am Vortag wohl etwas zu lange im Wirtshaus gewesen. Beim frühmorgendlichen Semmelbacken konnte er die Augen kaum offen halten. Als er seine Semmeln im Ofen hatte, gedachte er ein kleines Nickerchen zu machen. Es gab ein böses Erwachen, als alle Semmeln verbrannt waren. Was sollte er mit ihnen tun? Sie mussten weg, ohne dass es die Leute bemerkten. Kurz entschlossen schüttete er sie in den Feuerkanal und hoffte, sie so endgültig los zu sein. Leider stauten sie sich unter dem Rathaus und führten zu der Überschwemmung. Das Gelächter, das sich in der Stadt erhob, wird ihm noch lange in Erinnerung geblieben sein. Zur Beruhigung der Dietfurter Bäcker sei noch angefügt, dass es sich um keinen Vorfahren der heute noch ansässigen Bäcker handelte. Es war ein Pächter der Bäckerei, die sich früher im heutigen Bekleidungshaus Hobl befand.

 

 

Text Franz Kerschensteiner, Fotos Peschek

Veröffentlicht im Donau-Kurier am 10.03.1979

 
     
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