Ein ausgedehntes Gräberfeld
- Die bedeutendste Grablege im Umkreis
Geschichte und Ergebnisse der umfangreichen archäologischen Grabungen in der Nähe des Dietfurter Tennisplatzes
Auf den ausgedehnten Friedhof der Hallstattzeit war man schon vor Jahren, nämlich 1963 und 1965, beim Bau des ehemaligen Triumph-Werkes gestoßen. Schon damals äußerte der Grabungsleiter Dr. Hans-Peter Uenze die Vermutung, dass sich das Gräberfeld noch weiter südlich ausdehnen würde. Diese Vermutung hat sich bestätigt.
Noch unter der Grabungsleitung von Dr. Bernd Engelhardt und Grabungstechniker Seliger begannen die Arbeiten mit einer Wintergrabung 1979. Die amerikanischen Truppen, die auf dem Übungsplatz in Hohenfels stationiert sind, stellten zwei Zelte zur Verfügung, unter deren Dach auch bei schlechter Witterung gearbeitet werden konnte.

Das erste der beiden von den US-Truppen zur Verfügung gestellten Zelte ist über einem Grab aufgebaut. Die Arbeiter planieren schon eine weitere Grabungsfläche ein. Im Hintergrund die Hauptschule von Dietfurt. Jeder der Steinblöcke, die auf der Ackerfläche sichtbar werden, gehört zu einem Hallstattgrab.

Grabungstechniker Seliger vorm Schutzzelt
Dr. Bernd-Rüdiger Goetze, der Nachfolger und wissenschaftliche Leiter der Grabungen im Bereich des RMD-Kanals, gab in einem Vortrag Einblick in die angewandte Grabungstechnik. Das in Frage kommende Gelände wurde zuerst mit Eisenstangen sondiert, um die Ausdehnung der Steinpackungsgräber festzustellen. Eine Planierraupe, die von der RMD-Gesellschaft unentgeltlich gestellt wurde, übernahm die Abschiebung der Humusschicht. Die einzelnen Gräber mussten dann vorsichtig mit Schaufel und Pickel bis zur Steindecke freigelegt werden.

Obwohl das Gräberfeld sich nicht im Bereich der zukünftigen Kanaltrasse befand, erklärte sich die RMD-Aktiengesellschaft bereit, die Kosten für den Humusabschub zu übernehmen. Da die Schubraupe tagsüber auf der Schleusenbaustelle benötigt wurde, musste nachts im Licht starker Scheinwerfer gearbeitet werden. Das Vorhaben gelang, ohne dass ein Grab zerstört wurde.

Erste „Handarbeiten“
Nach Dr. Goetze handelte es sich in der Regel um hölzerne Grabkammern in der Ausdehnung von 3 x 4 m mit einer Höhe von 70 cm. Die Holzkonstruktion ist im Laufe der Jahrtausende verfault und nur noch durch eine dunkle Bodenverfärbung erkenntlich. Bis auf zwei Ausnahmen gab es auf diesem Dietfurter Hallstattfriedhof durchwegs reine Körperbestattungen. Über die rituelle Bedeutung des um jede Grabkammer angelegten Steinkranzes sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig. Vielleicht bedeuten sie einen gewissermaßen heiligen Bezirk.

Ein Kranz von aufgestellten großen Steinplatten diente offenbar dazu, den jeweiligen Grabhügel als Bereich der Toten von dem der Lebenden abzugrenzen. Die Hallstattbewohner Dietfurts mussten viel Mühe aufgewendet haben, um die oft gewaltigen Steinbrocken von den Berghängen bis zum Friedhof zu transportieren.

Steinpackung über dem Grab

Skelettfund
Die an Funden reichste Grablege schien die bedeutendste in weitem Umkreis zu sein. Auffallenderweise wurden in diesem Hügel drei Tote zusammen mit umfangreichen Beigaben bestattet. Bei einem vermutlich weiblichen Skelett konnten fünf Bronzehalsbänder, zwei Armreife und aus Bronzedraht gewickelter Haarschmuck geborgen werden. Vor allem die ausgezeichnet gearbeiteten Lockenringe verraten einen erfahrenen Techniker, denn es erforderte ungemeine Fingerfertigkeit, die fein gegossenen Bronzedrähte in diese Spiralform zu bringen. Die hohlen Armreifen wurden über festen Lederkernen gefertigt. Rätsel gab den Archäologen der Rest eines Eisenmessers auf, der unter dem Kopf dieses wahrscheinlich weiblichen Skeletts gefunden wurde. Merkwürdigerweise fehlen im Dietfurter Gräberfeld aber die sonst üblichen Waffen bei Männern.

Die bisher vornehmste Bestattung: Um den Hals trug die Tote fünf genau ineinander passende verzierte Bronzehalsbänder. Neben dem Schädel ist aus Bronzedraht geflochtener Halsschmuck erkenntlich. Auch die beiden Armreifen sind deutlich erkennbar.

Die Tote…

…und ihre Ausgräberinnen
Insgesamt hatten die Archäologen 1981 noch 22 Grabhügel freigelegt, in denen Mehrfachbestattungen die Regel waren, Einzelbestattungen dagegen kaum vorkamen. In den meisten Fällen handelte es sich um Doppelbestattungen, offensichtlich um Mann und Frau. Nach den Worten der Grabungsleitung liegt dadurch der Verdacht einer Witwentötung fast zwingend nahe. Dass Mann und Frau in so vielen Fällen nahezu gleichzeitig eines natürlichen Todes starben, ist wohl kaum anzunehmen. Ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis steht jedoch noch aus.

Eine der aufgefundenen Doppelbestattungen. Der Grabungstechniker zeigt auf ein Bronzehalsband, was aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine weibliche Tote hindeutet. Am unteren Bildrand sind Grabbeigaben erkennbar.
In zwei Fällen gab es um die Zentralbestattung in Form einer Körperbestattung noch Nachbestattungen in Urnen mit Beigefäßen. Trotz der gleichen Totenriten scheinen also auch Leichen verbrannt worden zu sein, vielleicht um die Verstorbenen (Familienmitglieder?) im selben Hügel noch unterbringen und sie so mit der Zentralbestattung vereinen zu können. Die Tatsache, dass bisher keine Zentralbestattung als Brandgrab und keine Nachbestattung als Körpergrab aufgefunden wurde, erhärtet diesen Verdacht. Die zahlreichen Keramikbeigaben dienten nach den Worten von Dr. Bernd-Rüdiger Goetze nicht nur als Nahrungsgefäße, sondern auch als Haushaltsmitgift für das Jenseits. So fanden sich regelrechte Service von ineinander gestellten Schüsseln, Trinkgefäßen und Tassen.

Die Urnen standen zum Teil sehr tief im Boden. Sie waren mit Leichenbrand, aber auch nach gefallener Erde gefüllt.

Grabungstechniker Seliger mit Hallstatturne 1980
Die Bronzefunde in Dietfurt bezeichnet Dr. Goetze für diese Region als außergewöhnlich reichlich. Sie deuten in ihrer Eigenart auf überregionale Verbindungen hin; zum Beispiel weisen die aufgefundenen Brillenfibeln auf einen Zusammenhang mit Oberitalien hin. Dazu kommen Ringe aller Art, von Halsringen bis zu schweren Melonenarmringen. Eisenfunde dagegen gab es bisher nur wenig. Das Metall war damals selten und teuer. So fanden sich Überreste einer Messerklinge (s. o.) und im letzten Grab ein gebogenes Eisenstück, vielleicht ein Gürtelbestandteil.

Die zahlreichen Bronzefunde, Halsringe, Lockenwickler und Armbänder weisen auf den Reichtum der Oberschicht und auf überregionale Handelsverbindungen hin. Besonders interessant die beiden verzierten Melonenarmringe aus Bronze.
Die Funde von zahlreichen Tierknochen wurden zur Untersuchung an die Universität Erlangen weitergeleitet, um festzustellen, ob sich anhand der Fleischbeigabe noch gesellschaftliche Unterschiede der Toten herausfinden lassen, etwa, ob Verstorbene schlechtere oder bessere Teile des Schlachttieres mitbekommen haben. Jedenfalls beweisen die verschiedenartigsten Nahrungsbeigaben den Glauben an die Weiterexistenz nach dem Tode.
Besonders erfreut war Dr. Goetze auch noch über die Tatsache, dass nicht nur deutsche Wissenschaftler an der Erforschung des Dietfurter Gräberfeldes beteiligt waren. Eine Zeit lang leitete die amerikanische Paläontologin Diane Thatcher die Grabung auf dem Dietfurter Hallstattfriedhof.

Die amerikanische Paläontologin Diane Thatcher leitete 1981 die Grabungen vor Ort. Hier ist sie bei der wissenschaftlichen Aufnahme einer der zahlreichen Doppelbestattungen. Beim vermutlich weiblichen Schädel ganz im Vordergrund gab es zahlreiche Bronzefunde.

Dr. Bernd-Rüdiger Goetze (Mitte) beantwortete am Schluss seines Referates noch zahlreiche Fragen der Zuhörer. Besonderes Interesse erweckten die bereits restaurierten Fundgegenstände, die er mitgebracht hatte.

Auch im Winter ging die Arbeit der Archäologen weiter. In einem von der Stadt Dietfurt dem Landesamt für Denkmalpflege zur Verfügung gestellten Haus in Töging wurden die Funde gewaschen, getrocknet und sortiert. Es ist keine leichte Aufgabe, aus vielen kleinen Scherben ein Tongefäß in seiner ursprünglichen Form wiederherzustellen. Das Bild zeigt einen Grabungstechniker bei seiner mühseligen Arbeit an einem großen hallstattzeitlichen Gefäß aus dem Dietfurter Gräberfeld.

In den Räumen des Dietfurter Bauhofs wurden die Skelette einer sehr gut erhaltenen Doppelbestattung vom Hallstattfriedhof beim Tennisplatz fachmännisch restauriert. Das Grab war im Block geborgen worden, so dass die Gebeine in der Originallage verblieben. Unter der Leitung von Dr. Goetze arbeiteten Studentinnen der Vorgeschichte aus den USA, aus Frankreich und aus England an der Restaurierung.
Text zusammengefasst nach Artikeln von Franz Kerschensteiner, Fotos Franz Kerschensteiner
Teilweise veröffentlicht im Donau-Kurier am 30.11.1979, 22.08.1980, 06.04.1981, 28.08.1981, 24.10.1981
Weitere Eindrücke von den Ausgrabungen des Dietfurter Hallstatt-Friedhofs 1979-1981
Rätsel um das Grab eines Adeligen
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